Was ist eigentlich ein Zuhause?

Viele können ein Haus einrichten; aber nur wenige verstehen die Kunst ein Zuhause zu erschaffen!

Was ist ein Zuhause für dich? Die Stadt in der du Lebst? Das Zimmer in dem dein Bett steht? Dort wo deine Eltern wohnen? Oder ist es ein Gefühl? Das Gefühl immer zurück kommen zu können? Das Gefühl von Geborgenheit? Das Gefühl von Liebe? Was macht ein Zuhause für dich aus?

Für mich habe ich diese Frage beantwortet. Das war ein langer schwieriger Prozess.  Denn klar war mir das lange Zeit nicht.
Angefangen mit dem Ganztägigen Kindergarten, weiter zu einem Internat in dem ich nur am Wochenende „Nachhause“ gefahren bin, bis hin zu einer betreuten Wohngruppe, in der ich kaum mehr zu meinen Eltern fahre, hat bisher noch nichts wirklich wie ein Zuhause gewirkt. Richtig bewusst ist mir das eigentlich erst an einem ganz normalen Abend geworden.

Ich kam nach einem ganz normalen Tag zurück in die WG. Mit höllischem Hunger stellte ich schon im Treppenhaus fest, dass es total toll roch. Da ich den ganzen Tag Schule bzw. Theater hatte und es bereits 10 war freute ich mich, darauf zu essen. Mein Betreuer erzählte mir, als ich ihn nach dem Geruch fragte, wie toll sie gekocht hatten und was es alles gegeben hatte. Als ich fragte, wo denn die Reste waren, schaute er mich an, lachte und sagte nur. „Naja, Du kennst doch die kleinen. Wenn die erst mal was zu essen haben denkt keiner mehr daran, dass man Mitbewohner hat. Bist ein bisschen zu spät.“
Ich antwortete nur mit einem kurzen „OK“ , ging in die Küche und schmierte mir ein Brot. Eigentlich nichts ungewöhnliches. Das sind Dinge, die passieren in jeder Wohngemeinschaft. Während ich dann alleine mein Brot aß, kamen mir plötzlich aus dem nichts die Tränen. Ich war es leid ständig um die Besonderheiten beim essen „kämpfen“ zu müssen. Der „Kampf um den Kuchen“, wie ich es heute liebevoll nenne, war manchmal wirklich anstrengend. Heimlich zu hoffen, dass jemand anderes dieses mal „verzichtet“… Teilen? Keine Chance. Noch heute bemerke ich Verhaltensmuster an mir, die meine Angst spiegeln, dass ich nichts mehr abbekomme. Jedes Buffet löst zu Anfang eine Anspannung bei mir aus.

Mein Betreuer kam rein: „Oh man es tut mir schon leid.“
Ich:  Ist doch egal. Ich weiß auch nicht warum ich rum heule.
Er: Naja, du bist es einfach nicht gewöhnt, dass man an dich denkt. Du hast bei deinen Eltern nicht wirklich ein zuhause und du hast gerade festgestellt, dass das hier, sei es noch so schön, auch keines ist. Oder bist du jemals in deinem Leben nach der Schule Nachhause gekommen, hast deinen Schulranzen in die Ecke geworfen und deine Mutter gefragt, was es zu essen gibt?

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich mochte meinen Betreuer. Er war jemand, der bis 2 Uhr morgens mit mir redete und mich dazu brachte sehr lange über mich selber nachzudenken. Und vor allem mochte ich die WG, in der ich zu dieser Zeit wohnte. Sie hatten mich innerhalb von 2 Jahren dazu gebracht von einem 15 jährigen „Kaputzenmädchen“  zu einer „Metalhexe“ zu werden. Ich hatte in meinem Leben vorher nie das Gefühl gehabt, dass ich einer erwachsenen Person wichtig gewesen wäre. Dort war das anders und doch war es kein Zuhause für mich. Was muss denn ein Zuhause haben, außer Leute denen ich wichtig bin?

Die vier Wände in denen ich wohnte waren nur geliehen. Ich bin alle 2 Jahre umgezogen in eine komplett neue WG. Immer wieder haben Pädagogen so getan als wären sie ein guter Elternersatz. 20-30 verschiedene Personen versuchten mich zu erziehen. Irgendwann fehlt einem die Person, der man wirklich vertraut. Und ich  wusste auch, dass es nur ein Job war, auf mich Acht zu geben. Obwohl er in meiner alten Wg mit Herz gemacht wurde.

Irgendwann stellte ich mir nicht mehr die Frage wo mein Zuhause war. Ich stellte mir eher die Frage, ob ich eins brauchte. Ich fragte mich ob ein Zuhause etwas festes ein musste.
Zum Glück hatte ich immer gute Freunde, die mir das Gefühl von Geborgenheit gegeben haben.  Ich bin auch nicht enttäuscht, dass ich nicht wirklich Zuhause war. Verschiedene Leute bringen einen immer dazu, seinen Horizont zu erweitern. Vor 2 Jahren hat sich mein Leben aber geändert. Ich musste zwar wieder in eine komplett neue WG ziehen in der ich auch bis Heute noch wohne aber ich habe einen Ort gefunden, zu dem ich hin gehen konnte und wo immer Leute waren, die mich mögen und mit denen ich Spaß haben konnte.

Dieser Ort hat eine Gemeinschaft. Einzelne kommen und gehen aber viele sind schon seit diesen 2 Jahren fest da. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich in diese Gemeinschaft einzubinden. Ich war sehr lange mit einer festen Gruppe dort und habe mich alleine nicht hin getraut, weil ich zu wenige Menschen kannte. Ich kann mich gut an DIE Hippie Mottoparty erinnern. Ich kannte schon ein paar wenige Leute und war schon vorher ein paar mal alleine da gewesen. Ich habe den ganzen Abend beim Pizza backen geholfen. Später am Abend waren alle schon weg, die ich halbwegs kannte und ich stand in der Gegend rum. Ich wusste nicht genau, ob ich mich einfach an einen Tisch mit Leuten setzen konnte, die ich gar nicht kannte.

Da kam jemand zu mir. Ich nenne ihn hier liebevoll den Elfenkönig.
Er fragte mich warum ich so alleine an der Theke rum stehen würde. Ich solle doch lieber an den großen Tisch kommen. Der Elfenkönig war mir schon öfter aufgefallen, weil er immer lächelte, wenn er hinter der Theke stand. Ich habe mich dazu gesetzt und mich darüber gefreut. Ich weiß nicht genau warum aber nach diesem Abend hatte ich überhaupt kein mieses Gefühl mehr, wenn ich alleine an diesen Ort ging.

Wenn ich Heute zur Tür herein komme kenne ich eigentlich fast alle. Aus jeder Ecke höre ich jemanden, der mich begrüßt. Ich mache selbst Dienst hinter der Theke und freue mich darüber, dass mir Leute endlich etwas zutrauen und ich Aufgaben habe, die einen Sinn ergeben. Durch die vielen Gespräche dort habe ich mich in die Abgründe meines Selbst gewagt und jetzt weiß ich, dass nich nur die „MetalHexe“ in mir ist. Die anderen Seiten wie, das „KaputzenMädchen“ sind immernoch da und ich lerne sie als Teil von mir anzuerkennen.

Durch diese Gemeinschaft wurde mir klar, dass ein Zuhause kein Ort war. Wenn du eine tolle Gemeinschaft hast, kann die ganze Welt dein Zuhause werden.

Hier also ein Ruf an euch alle da drausen, die das selbe Ziel verfolgen, die eine Tür für mich offen haben, die positives Reingeben, die ein leuchten in den Augen haben, die die ihre Anliegen verfolgen um die Welt zu verbessern. Um so mehr es werden, umso größer und prägtiger wird das Zuhause, dass wir schaffen.

Wenn man in seiner Mitte bleibt kann Zuhause überall werden. Wenn man geborgenheit, vertrauen oder liebe spürt und so sein kann wie man ist, fühlt sich das an wie ein Zuhause. Ich setze immer öfter die Maske ab, die ich trage. Zuhause ist da, wo man Masken absetzen kann und trotzdem Rückhalt hat.

-Mel

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Blind oder Sehbehindert auf Festivals, geht das?

Hallo ihr lieben, 

in der ganzen Zeit, in der ich schon auf Festivals gehe, haben sich viele Fragen angesammelt. Alle diese Fragen wurden mir schon sehr häufig gestellt und ich finde, es ist an der Zeit sie zu beantworten. Ich habe selber einen Sehrest von 5%. Bei großen Menschenmassen oder bei unbekanntem Terrain benutze ich meistens einen Blindenstock um mich zu orientieren. Da ich mit dem Stock und dem Rest an Sehkraft sehr gut zurecht komme, bin ich oft auch mal alleine auf den Festivalgeländen anzutreffen. Viele Menschen fasziniert das sehr, denn Blindenstock heißt für sie immer gleich, dass ich vollkommen Blind bin. Das ist Falsch  und meine Methoden, die ich nutze um mich zu orientieren, sind aus meiner Sicht normal.

1. Stört es dich nicht, dass du kaum etwas von der Bühnenshow erkennst?

Ja, manchmal. Vor allem, wenn alle um mich herum anfangen zu lachen und ich nicht verstehe warum. Lichtshows, die für euch irgendwie Atmosphärisch wirken, blenden mich eigentlich nur und verhindern, dass ich ein bisschen mehr von der Bühne sehe. Ganz schön ist es, wenn es dunkles Licht ist und es nicht blinkt… Aber bei Metalkonzerten ist das eher selten der Fall. Trotzdem geht es ja vor allem ums hören und nicht ums sehen und es gibt immer wieder nette Leute, die beschreiben was man sieht oder wie es wirkt.

2. Wie erkennst du Crawdsurfer die von hinten kommen?

Ernsthaft? Wie erkennt ihr denn Crawdsurfer die von hinten kommen? Ihr habt hinten doch auch keine Augen. Die Frage ist wirklich ernst gemeint. Ich bemerke Crawdsurfer eigentlich immer dann, wenn sich mein Umfeld hinter mir anfängt umzudrehen und sich zu bewegen. Oder er mir, wenn ich unkonzentriert bin auf den Kopf fällt.

3. Wie findest du dich auf einem Festivalgelände zurecht?

Ich nutze den Sehrest den ich habe. Ich suche mir ganz am Anfang immer einen Zeltplatz der einfach zu finden ist. Außerdem achte ich darauf, dass in der nähe Orientierungspunkte sind von denen aus ich immer wieder hin finde. Wenn ich zum Beispiel weiß, wie es von den Duschen zu meinem Zelt geht und dann die Orientierung verliere, kann ich einfach Leute fragen, ob sie mich zu den Duschen führen. Außerdem verbringe ich bei größeren Festivals Zeit damit das Gelände abzulaufen und zu erfassen. Dazu muss ich mich sehr konzentrieren und mache erst einmal für 1 – 2 Stunden nichts anderes. Das macht die folgenden Tage deutlich einfacher. Manchmal habe ich auch Glück und jemand nimmt sich die Zeit mit mir zusammen zu laufen und noch mehr zu beschreiben als ich sehen würde. Ich erstelle dann im Kopf meine eigene 3D-Karte auf der ich NUR relevantes markiere.  Wenn ich mich doch mal völlig verlaufe, gibt es IMMER Möglichkeiten irgendwie zurück zu kommen.

4. Würdest du die Leute, die du auf der Bühne siehst, erkennen wenn sie in einem anderen Umfeld mit dir reden?

Nein. Das kann sogar meine Lieblingsband sein ich würde es nicht erkennen, wenn der Fronter direkt vor meiner Nase steht. 1. Ich müsste schon vor einem Auftritt wissen, wie eine Person aussieht. Sie zum Beispiel schon mal auf Fotos gesehen haben. 2. Die Person müsste dann auch noch im echten Leben genau so aussehen, wie auf dem Foto.
3. Sachen die auffallen sind immer gut. Ich würde die Person höchstens an ihrem sehr auffälligen Bart, an einem Hut der immer getragen wird oder an so etwas ähnlichem erkennen.

5. Warum benutzt du eigentlich nicht die Behindertentribüne?

Weil ich sie nicht brauche! Tribünen für eingeschränkte Menschen sind grundsätzlich eine gute Sache und es gibt Menschen, die sie auch brauchen. Gerade für Rollstuhlfahrer oder Menschen, die sich in so einer Menge mit ihrer Behinderung unsicher fühlen ist das großartig. Mir wurde schon oft zum Vorwurf gemacht sie nicht zu nutzen. „Wenn Leute wie du sie eh nicht benutzen, brauch man die auch nicht bauen.“
Schwachsinn! Ich fühle mich in der Menge unglaublich wohl und möchte nicht getrennt von anderen Konzertbesuchern sein, die keine Behinderung haben. Denn ist nicht genau das Inklusion?

Wenn ihr noch mehr Fragen habt, stellt sie! Das wird sicherlich nicht die letzte Fragerunde gewesen sein.

-Mel